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Augenzeugen Bericht des Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 1

Letzte Woche hinterlies Michael einen Kommentar zu meinem Eintrag über die Verwüstung von Phi Phi Island, in dem er mir schrieb, dass er seine Erlebnisse über den Tsunami auf Koh Phi Phi niedergeschrieben hat. Micha hat sich bereit erklärt, dass ich seinen Bericht hier veröffentliche, vorerst nur anonym, es sei denn er will es anders.

Ein wirklich sehr bewegender Bericht, der nur erahnen lässt, wie man solch eine Katastrophe hautnah miterlebt. Danke an Michael, dass er seine Erlebnisse mit anderen Menschen teilen will...

Es ist sehr schwer das Geschehene, das Erlebte und die Gefühle jemanden begreiflich zu machen.

Diese „ Geschichte“ entsteht nur als Hilfe für mich , um das Geschehene zu verarbeiten und „ wieder normal zu werden “. Danke an alle die mir und meiner Frau helfen oder geholfen haben.

Und nun beginnt der Augenzeugenbericht von Micha...

Eigentlich war der Trip nach Ko Lanta vom 27.12 bis 29.12.04 geplant, aber wie der Zufall oder was auch immer, so will, kommt es anders als geplant.

Im Laufe der Christmasparty, die von unserer Hauswirtin immer am 1. Weihnachtsfeiertag, für Ihre Gäste veranstaltet wird, wurde uns mitgeteilt, dass unser Ko Lanta Trip am 26.12. und nicht wie geplant für den 27.12, gebucht ist. Wir sind guter Dinge und freuen uns schon auf den Ausflug, ein Tag hin oder her spielt ja im Urlaub keine Rolle.

Aufstehen um 7:30 Uhr, wir sollen um 8 Uhr von einem Sammel-taxi abgeholt werden. Wir sitzen im Restaurant aber das Taxi lässt auf sich warten. Endlich, es ist schon 8:45 Uhr, kommt das Taxi. Das Gepäck, bestehend aus großer Badetasche, Umhängetasche für Foto und Videokamera, Rucksack und zwei Trollis wird verstaut, dann geht es auch schon los.

In einer halsbrecherischen Fahrt geht es nach Puket Stadt an den Hafen. Wir kommen zwar 15 Minuten zu spät doch das Schiff hat auf uns gewartet. Wir konnten einen sonnigen Platz auf dem Oberdeck ergattern und ließen es uns gut gehen. Die Überfahrt nach Ko Lanta war sehr windig und von der Gischt ziemlich Nass. Während der Fahrt stellte sich heraus, dass wir ca. 1 Stunde und 30 Minuten, Aufenthalt auf Phi Phi Don hatten. Auch nicht schlecht so konnten wir das versäumte Frühstück nachholen.

Auf Phi Phi angekommen suchten wir uns eine Frühstücks-möglichkeit und fanden eine Bäckerei mit angeschlossenem Cafe. Es war sogar noch ein Tisch im hinteren Bereich frei. Wir bestellten unser Frühstück, bestehend aus Cafe, Shake, Baguette und Rührei. Jasmin (die 5-jährige Tochter unserer Freunde) bekommt ihre Rühreier. Jürgen und ich versuchen den Unterschied zwischen Baguette und Sandwich zu klären. Plötzlich rennt irgend jemand durch das Cafe, schreit wie wild „GO“ „GO“ „GO“ und verschwindet durch die Bäckerei.
Wir fünf sehen uns an........... springen alle von unseren Plätzen auf. Jürgen nimmt den Trolli, Petra nimmt Jasmin auf den Arm und beide rennen los. Ingrid und ich sehen uns an. Ich greif nach dem Trolli, Ingrid nach Rucksack und Fototasche dann ging es den anderen nach. Ich bemerkte die noch liegengebliebene Badetasche und schrie zu Ingrid, nimm die Tasche mit, doch Ingrid reagiert nicht. Ich gab ihr einen Stoß Richtung der anderen, drehte mich um, bückte mich um nach der Tasche zu greifen. In diesem Moment fällt mein Blick Richtung Eingang, sprich auf die Straße.

Die Straße ist voller Dreckwasser !!

Wo kommt das her ?

Ist die Kanalisation übergelaufen ?

Im gleichen Moment, Augenblick oder was auch immer, sehe ich wie das Wasser rasend schnell steigt.

Es dauert, ich weis nicht wie lang, vielleicht eine oder zwei Se-kunden, ich war plötzlich ohne reagieren zu können unter Wasser. Ich hielt mich an der Badetasche und am Trolli fest, versuchte meine Schuhe nicht zu verlieren. Die Wassermassen drückten mich gegen die hüfthohe Wand des Cafes. Ich schluckte Wasser, verlor doch meine Schuhe. Ich wurde durch das Gepäck, das wie eine Boje wirkte, hochgehoben über die Wand aus dem Cafe ge-spült. Nun befand ich mich zwischen zwei Gebäuden, trieb oder kletterte mit dem Gepäck von außen an der Wand hoch. Ich habe keine Ahnung wie ich das angestellt habe. Ich stand mit einem Fuß auf einem ca.2x20 cm großen Mauervorsprung, und mit dem anderen stützte ich mich an der gegenüberliegenden Hauswand ab.

Das Dreckwasser steigt noch bis kurz über den ersten Stock. Plötzlich fällt der Wasserspiegel, ich stehe fast im Spagat kurz unter dem Dach. Ich mach mir gerade Gedanken - „ wie soll ich da bloß wieder runter kommen“
als ich jemanden in der Bäckerei stöhnen und nach Hilfe rufen höre.
Ich, keine Ahnung wie, bin runter gekommen. Zwischen vom Wasser aufgetürmten Gerümpel und Decke war jemand einge-klemmt. Plötzlich waren zwei Männer wie aus dem nichts aufgetaucht. Mit vereinten Kräften schafften wir es die Person zu befreien. Wir legten den Mann auf eine Tür den Kopf leicht nach unten und drehten Ihn zur Seite, damit das Wasser aus seinem Mund laufen konnte. Und wieder ging das Geschrei los : „NAM“ „NAM“ (Thai: Nam = Wasser)

das Wasser kommt zurück. Die beiden Männer waren so schnell verschwunden wie sie gekommen waren. Mir blieb nichts anderes übrig als wieder (natürlich nicht ohne Gepäck) unter das Dach zu klettern. Das Wasser stieg nun nur noch etwa zwei Meter hoch. Nach etwa, ich hab keine Ahnung, viel es wieder. Nun wieder runter zwischen den Häusern. Ich, jetzt ganz allein in der Bäckerei. Die von uns befreite Person konnte ich auf der Straße stöhnen hören, zum Glück, der Mann war noch am leben. Da stand ich nun ganz allein mit meinen beiden Gepäckstücken in der zerstörten, leeren und verdreckten Bäckerei. Was nun ?

In meinem Kopf begann sich alles zu drehen. Wo ist Ingrid ?
Wo sind die Salos (Spitzname der Familie Salomon).
Ich begann verzweifelt nach Ingrid zu rufen. Ich lief orientierungslos in der Bäckerei umher, rief immer wieder Ihren Namen.

Plötzlich hörte ich jemand rufen. Hey, schnell, komm hier hoch. Im ersten Stock der Bäckerei erschien das Gesicht einer Frau. Sie schrie wieder, schnell komm hoch, es kommt noch eine Welle. Ich rannte mit meinen Gebäckstücken Richtung einer halb weg-gerissenen Treppe. Dort angekommen, war das erste das ich sagte: „nimm mein Gepäck“.
Die Frau sagte: „du spinnst ja, komm endlich nach oben“. Aber ich entgegnete „nicht ohne mein Gepäck“. Ich warf der verblüfften Frau die Badetasche entgegen, reichte ihr den Trolli, und kletterte die Treppe in den ersten Stock hoch.

Wir befanden uns nun auf einem Balkon der die Bäckerei mit dem dahinterstehenden Haus verband. Der Balkon erstreckte sich auf drei Seiten des Hauses. Als wir ans Ende kamen, standen dort eine ganze Reihe von Leuten. Unter ihnen war, ich konnte es nicht glauben, Jasmin, Petra und Jürgen. Die erste Erleichterung, aber wo ist Ingrid ?
Hallo Jürgen und Petra, zum Glück hab ich euch gefunden, schaut her ich hab eure Badetasche gerettet.
Jürgen sagte: „ich glaub das du spinnst, in so einer Situation an die blöde Badetasche zu denken“, sei froh das du am Leben bist.

Auf dem Balkon befanden sich die Familie Salomon, zwei Mädels aus der Schweiz, Tanja und Marco aus den Niederlanden, Peter und Majda (Maschda) aus Wolfsburg eine Frau mit zwei Kindern aus Australien und zwei Einheimische.
Im Moment scheint es, ich bin in Sicherheit.
Aber wo war Ingrid ????
Sehr schnell breitete sich Panik in mir aus, Ingrid ist nicht bei den anderen !!!
Wo ist Sie ???
Ist Ihr was Passiert ??
Lebt sie überhaupt noch ?????

Ich war wie von Sinnen. Trotz allem zureden der Anwesenden begann ich nach Ingrid wie verrückt zu suchen. Zuerst vom Balkon aus. Alles war voll Schrott. Es lagen überall Treppen, Wellblechdächer, Hauswände aus Holz oder Blech, Gasflaschen, Steine, Sand und Schlamm herum. Teilweise war das Wasser noch ca. einen halben Meter hoch. Vom Balkon aus war nichts zu sehen. Mir blieb nichts anderes übrig als wieder nach unten zu klettern.
Ich begann in der Bäckerei zu suchen. Alles was rumlag versuchte ich hochzuheben, um sicher zu gehen das Ingrid nicht irgendwo drunter lag.

Ich fand zum Glück nichts.

Also weiter, wenn Sie in die gleiche Richtung wie alle gerannt ist, kann Sie nur im großen Schutthaufen unter dem Balkon liegen. Immer noch ohne Schuhe grub und wühlte ich nun, bis zu den Knien im Dreckwasser stehend, den Müllhaufen um. Zwischen dem ganzen Müll sah ich plötzlich eine Hand.

Panik !!!

Hier noch ein kleiner Nachtrag von Michael:

Zur Erklärung:

Das geschilderte, beruht nur auf Erlebnissen an die ich mich zum Zeitpunkt des Schreibens erinnern konnte.
Heute weis ich, durch Therapie und durch Erzählungen von Freunden, dass es nur ein Bruchteil des erlebten ist.
Vieles ist heute, ein Jahr danach, immer noch verborgen. Oft überkommt einen die Erinnerung an erlebtes, bewusst.... unbewusst..... gewollt...... oder ungewollt.

Ich muss damit leben, umgehen und es immer wieder neu verarbeiten.

Januar 2006

Da der Bericht sehr umfangreich ist, werde ich ihn Stück für Stück hier veröffentlichen:

  • Augenzeugen Bericht des Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 1

  • Augenzeugen Bericht des Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 2

  • Augenzeugen Bericht des Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 3

  • Augenzeugen Bericht des Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 4



  • Kommentare (1)

    Seit nunmehr über einem Jahr beschäftige ich mich für meinen eigenen Verein mit dem Thema Phi Phi und Tsunami. Ich hab inzwischen doch einige Angehörigenkontakte und auch sehr viel Schreckliches erfahren in dieser Zeit, aber dennoch macht es mich jedes Mal wieder fertig zu lesen, was die Menschen am 26.12. in den betroffenen Gebieten erleiden mussten. Ich hoffe sehr, dass für Michael das Ganze halbwegs gut ausgegangen ist...ich trauere immer noch mit um die vielen Menschen...
    Traurige Grüße P.S.

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    Ein sehr bewegender Augenzeugen Bericht über den Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 1

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