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Augenzeugen Bericht des Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 2

Vor ein paar Tagen habe ich den ersten Teil von Michael's Augenzeugenbericht zu seinen Erlebnissen über den Tsunami auf Koh Phi Phi veröffentlicht. Micha will anonym bleiben, ihr könnt jedoch mit ihm per Kommentar in Kontakt treten, falls ihr ähnliches erlebt habt und darüber reden wollt...

Es ist sehr schwer das Geschehene, das Erlebte und die Gefühle jemanden begreiflich zu machen.

Diese „ Geschichte“ entsteht nur als Hilfe für mich , um das Geschehene zu verarbeiten und „ wieder normal zu werden “. Danke an alle die mir und meiner Frau helfen oder geholfen haben.

Nun der zweiteTeil des Augenzeugenberichts von Micha...

Alles was ich allein bewegen konnte wurde zur Seite geschoben oder geworfen. Es war nicht Ingrid. Wie ich später erfahren habe handelte es sich um den Mann der australischen Frau, die sich auch auf dem Balkon befand. Bei der Flucht auf den Balkon konnte Er seiner Frau und den Kinder noch helfen, wurde aber von Wasser und Schutt mitgerissen und ertrank. Ich habe den Haufen weiter so lange zerpflückt bis ich mir Sicher war das Ingrid nicht drunter liegt.

Ich stieg wieder zu den anderen auf den Balkon und war erst einmal beruhigt. Aber wo war Ingrid ??

Jetzt erst konnte ich die Ausmaße erkennen, die ganze Insel wurde von einer oder mehreren riesigen Wellen überrollt. Palmen, Hütten, Bungalows ja sogar Häuser wurden weggespült. Die Wassermassen hatten riesige Schutthaufen hinterlassen. Jetzt erst erkannte ich, viele Menschen haben sich auf Hausdächer gerettet.

Im Haus gegenüber saß ein Pärchen bei ca. 40 °C im Schatten auf einem Blechdach. Die Frau hatte außer einem Bikinihöschen nichts mehr an. Wir haben Ihr ein Badetuch zugeworfen damit Sie sich bedecken kann. Doch die beiden nutzten das Tuch als Sitz-unterlage.

Ich konnte später noch feststellen, ein Blechdach ist bei solchen Temperaturen höllisch heiß. Doch wo war Ingrid ?

Jürgen, vielleicht sitzt Ingrid auf dem Dach. Schau mal.... hilf mir .....ich muss aufs Dach.

Vom Balkon aus konnte man durch den großen Dachüberstand nichts erkennen. Vom Balkon aus aufs Dach klettern ging auch nicht. Es blieb mir nichts anderes übrig als irgendwie auf das Dach zu gelangen. Ohne Schuhe in kurzer Hose und Ärmellosem T-Shirt begann ich systematisch den ersten Stock der beiden Häuser zu durchsuchen. Nichts war vor mir sicher. Ich hab sämtliche Türen aufgebrochen und nach einer Möglichkeit gesucht um auf das Dach zu kommen. Endlich konnte ich ein Fenster finden durch das ich auf das Nach-bardach klettern konnte. Ich zwängte mich durch das kleine Fenster und kletterte auf den Dachsims, musste aber gleich wieder umdrehen und zurückklettern, das Dach war höllisch heiß. Erst mussten Schuhe her. Ich rannte zurück zu den anderen.

Ich brauch Schuhe !!

Ich hab einen Weg aufs Dach gefunden, es ist aber so heiß das man nicht darauf laufen kann. Wo krieg ich Schuhe her.

Peter sagte: „Schau dich um, was du findest gehört dir“ Also los, wieder runter in den Schutt, Schuhe suchen.
Ich hab keine gefunden, also nach oben und wieder durch die Zimmer. Schränke, Kartons, Kisten, Schubladen durchsuchen. Ich kam mit einem Arm voll Schuhe zu den anderen zurück. Ich warf die Schuhe auf den Balkon und sagte: „Ich hab Schuhe gefunden, sucht euch welche aus“ zog das erst beste Paar an, und war schon wieder auf dem Weg zum Fenster.

Ich konnte mich erinnern, nicht nur an den Füßen war es heiß. Also hab ich ein Tuch von einer Wand gerissen und es als Umhang benutzt. Durch das Fenster aufs Nachbardach, hoch auf den Dachsims und weiter ging die Suche. Ich kletterte auf den Dächern, die ich ohne Gefahr erreichen konnte, umher. Ich kletterte und suchte solange, bis Leute auf der anderen Straßenseite nach mir riefen. Sie winkten mir, riefen, und deuteten Richtung Meer. In der letzten Häuserreihe, also eine Straße, eine Hausreihe und noch eine Straße weiter Richtung Meer, konnte ich Ingrid in einem Fenster erkennen.

Ich war .......... erleichtert ? (ein unbeschreibliches Gefühl). Wir versuchten uns zu verständigen, vereinbarten als Treffpunkt, wenn es sicher war das PHI PHI Hotel. Ich kletterte über die Dächer zurück, lief auf den Balkon, zu den anderen und informierte Sie. Dann ging etwas seltsames in und mit mir vor. Ingrid war am leben und in Sicherheit, wir anderen waren am leben und in Sicherheit. Mein Verstand schaltete wieder ein. Wir brauchen Wasser !!
Ich konnte mich erinnern in der Bäckerei abgepacktes Wasser gesehen zu haben. Also runter in die Bäckerei und erst mal Wasser besorgen.

Wieder rauf auf den Balkon und an die anderen weitergeben. Wieder runter in die Bäckerei, raus auf die Straße, Weg erkunden. Kann man es schon wagen, sich Richtung Hotel auf den Weg zu machen ? Wir müssen es versuchen, wenn wir uns beeilen schaffen wir den Weg in wenigen Minuten. Rauf auf den Balkon zu den anderen und Sie davon überzeugen das es jetzt los geht. Wir halfen uns gegenseitig über die halb zerstörte Treppe in die Bäckerei. Jetzt raus auf die Straße und als Trupp über Schrott und Leichen Richtung Hotel. In der Luft lag ein unbeschreiblicher Geruch, eine Mischung aus Meer, Sand, Morast, Schlamm, Kläranlage, Schrottplatz und Tankstelle, einfach unbeschreiblich oder zum Kotzen.

Am Hotel angekommen rannten wir schon fast in den vierten Stock. Auf dem Weg in den vierten Stock kam ich mir vor wie im Krieg. Überall..... in den Zwischenetagen, in den Stockwerken Verletzte, Schwerverletzte und Tote. Der Boden die Treppen-stufen überall war Blut.

In der vierten Etage, angekommen ruhten wir uns erst mal aus. Jetzt erst haben wir erfahren was eigentlich passiert ist. Das mit dem Erdbeben und dann der Tsunami, ich und die anderen konnten die Ausmaße auf der Insel vom Hoteldach aus sehen.

Es war praktisch alles zerstört, das Wasser ist über die Insel gerast, und hat „alles“ in die Lagune auf der Pierseite gespült. Die Lagune war übersät mit Unrat. Die ersten Longtailboote fuhren in der Lagune umher und suchten nach Leichen.

Ich wollte wissen wo Ingrid abgeblieben ist. Ich ging die Umge-bung inspizieren. Wieder runter vom vierten Stock an den Pier. Auch hier lagen, mit einem Tuch bedeckt, Tote. Dann bekam ich es wieder mit der Angst zu tun und lief zurück ins Hotel. Am Rückweg fand ich im Unrat auf dem Weg einen großen gefüllten Kühlschrank. Rauf in den vierten Stock, mit Jürgen und Peter wieder runter um das Wasser zu holen. Meinen Umhang hab ich zwischendurch durch eine Art Poncho aus einem Bettlaken getauscht.

Mit der Zeit merkte ich das meine Schuhe wohl doch ein wenig zu klein sind. Mir viel wieder ein das ich auch einen Schuhladen ge-sehen habe. Also wieder runter vom vierten Stock, Schuhladen suchen. Er war nicht sehr weit vom Hoteleingang entfernt. Ich fand keine vernünftigen in meiner Größe, aber andere können bestimmt welche brauchen.

Mit einem Arm voll Flip-Flops zurück ins Hotel. Wie oft ich den Weg mit Schuhen gegangen bin weis ich nicht mehr.
Wieder mal auf dem Dach des Hotels, kam eine Einheimische und sagte: „ schnell zum Pier ihr werdet mit Booten weggefahren“.

Wir machten zu acht uns auf den Weg zum Pier.
Dort angekommen sahen wir gerade noch wie ein Boot voll-geladen wurde.
Dann ging es los, plötzlich Geschrei :

„ NAM“ „NAM“ „the water is comming to fast“

Panisch setzten sich wieder alle Richtung Hotel in Bewegung. Dieses Schauspiel machten wir an diesem Tag noch öfters mit. In solch einer Notsituation für alle, gibt es aber auch Menschen, die so was nicht zu berühren scheint. Im Vierten Stock gab es zwei Zimmer, in denen sich Hotelgäste einsperrten. Sie hängten einfach das nicht stören Schild an den Türknauf. Trotz klopfen und bitten, von vielen Leuten, wurden die Türen nicht geöffnet.
Am Nahmittag verließen sie das Zimmer, geschminkt, aufgetakelt und provokativ, als wenn nichts passiert wäre (wahrscheinlich zum Spazieren gehen und Einkaufen). Wir versuchten auf unserer Etage den Verletzten so gut wie möglich zu helfen. Aus Bettlaken wurde Verbandsmaterial gemacht, aus Schranktüren Tragen.
Als es zu dämmern begann wurde ich wieder einmal unruhig. Ingrid war immer noch nicht im Hotel erschienen.
Ich machte mich auf den Weg durch das Hotel. Stockwerk um Stockwerk suchte ich nach Ihr ab.
Es war ein grausamer Spaziergang, Matratzen mit Verletzten und Schwerverletzten lagen in den Gängen herum. Aus den Zimmern hörte man die Verletzten stöhnen.

Stühle, Sessel und sogar Tische wurden als Lagerstätten benutzt. Und überall war Blut, Dreck und der Gestank nach .... ?

Ich konnte Ingrid im ganzen Hotel nicht finden (leider oder zum Glück ?)
War es wirklich Ingrid die ich, heute Mittag, im Fenster gesehen habe ?
Ich glaub ich bin den Leuten von unserer Gruppe zu diesem Zeitpunkt wieder mal ziemlich auf die Nerven gegangen.
Was hat Ingrid überhaupt angehabt ?

Stimmt es, sie hat doch eine rote kurze Hose mit gelben Blumen und ein grünes T-Shirt an.
Zum Glück konnten mich die anderen etwas beruhigen und mir Mut machen.
Eigentlich könnte das eine romantische Nacht sein (Ha, Ha).
Es war Vollmond, sternklarer Himmel und ca. 25 - 30°C. In den Bergen brannten Lagerfeuer, es war eine Trügerische Stille.

Seit Mittag um ein Uhr wurden stündlich neue Wellen vorhersagt, die aber nie eingetroffen sind.
Eine lange Nacht stand uns bevor. Ohne Essen, nur mit Wasser und Keksen, ohne Strom, ohne Licht.
Die Toiletten in den Zimmer quollen über. Der Gestank im Hotel war unerträglich. Es gab keinen Strom, somit auch kein Licht. Das Hoteldach wurde jetzt auch noch als Toilette benutzt. Der Gestank nach, Ihr wisst schon was, war überall. Zum Glück geschwächt durch eine leichte warme Brise vom Meer.

Die Nerven der Menschen gespannt wie Bogensehnen. Irgendwie bin ich dann doch etwas zur Ruhe gekommen.
Ich stellet fest, ich hatte weder Hunger noch Durst noch war ich müde. Ich spürte bis jetzt keine Schmerzen. Langsam ganz langsam jedoch meldete sich ein Körperteil nach dem anderen.

Das Knie begann richtig weh zu tun, die Fußsohlen brannten, die Schuhe waren doch ein wenig zu klein.
Plötzlich von irgendwoher Geschrei, alle sprangen auf, die ganze Insel war wieder wach, keiner wusste warum.
Auch das passierte mehrmals in dieser Nacht.

Gegen 22 Uhr kam jemand mit einer Taschenlampe auf das Hotel-dach. Alle die Schnittverletzungen haben sollen zum Hub-schrauberlandeplatz gehen. Es ist eine Verbandstation einge-richtet, Ärzte und Krankenschwestern sind vor Ort. Dort bekommt man zu Essen und zu Trinken. Nicht nur meine Füße waren aufge-schnitten, aber ich war der einzige aus unserer Gruppe der mit ging. Also machte ich mich mit einem Trupp auf den Weg zum Verbandplatz. Nicht nur zum Verbinden sondern, vielleicht war Ingrid dort, und die lange Zeit bis Sonnenaufgang geht schneller vorbei.

Hier noch ein kleiner Nachtrag von Michael:

Zur Erklärung:

Das geschilderte, beruht nur auf Erlebnissen an die ich mich zum Zeitpunkt des Schreibens erinnern konnte.
Heute weis ich, durch Therapie und durch Erzählungen von Freunden, dass es nur ein Bruchteil des erlebten ist.
Vieles ist heute, ein Jahr danach, immer noch verborgen. Oft überkommt einen die Erinnerung an erlebtes, bewusst.... unbewusst..... gewollt...... oder ungewollt.

Ich muss damit leben, umgehen und es immer wieder neu verarbeiten.

Januar 2006

Da der Bericht sehr umfangreich ist, hier könnt ihr die bislang veröffentlichten Teile sehen:

  • Augenzeugen Bericht des Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 1

  • Augenzeugen Bericht des Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 2

  • Augenzeugen Bericht des Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 3

  • Augenzeugen Bericht des Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 4



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    Exklusiver Augenzeugenbericht über den Tsunami auf Phi Phi Island - Teil 2

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