Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Niall Murray, dem inoffiziellen Digitalvoodoo Auslandskorrespondenten aus Hongkong.
Ye Olde Durian Shoppe
Der Wet Market in der Graham Street überwältigt den Besucher mit seinem Flair und seinem hoffnungslosen Chaos und Gegensätzen. Eingezwängt zwischen den Wolkenkratzern der Umgebung, gegenüber des Central Plaza drängeln sich rechts und links entlang eines schmalen Ganges die Stände mit Gemüse, Früchten, Fleisch, Fisch und was man sonst noch in Hong Kongs Haushalten an frischem benötigt. In kleinen Rinnsalen fliesst das Abwasser voller Fischschuppen und Blut (meist Schwein und Fisch) hügelabwärts. Der Fischhändler präsentiert seine bluttriefenden frisch ausgenommenen Fische und Fischköppe, in Wasserbecken daneben zucken die Garnelen. Just in dem Moment packt die kleine stämmige Verkäuferin eine Handvoll der Krustentiere mit ihrem Volllatexthandschuh in eine kleine Plastiktüte.

Ein Geldschein wechselt den Besitzer und die Garnelen werden schon bald in die Pfanne wandern. Sogar manche Banker verirren sich auf dem Weg von der Arbeit hierher und kaufen Weintrauben, Durian, Avocados, und alle möglichen Gemüsesorten, deren Namen auf deutsch genauso wenig sagt wie auf Chinesisch. Wer den Graham Street Markt besucht, kann sich vor lauter Produkten und Eindrücken gar nicht mehr retten. Doch hier soll man ja auch nur einkaufen. Sprache ist egal. Mit einer Mischung aus Mandarin, Kantonesisch, Filippina Englisch und sonstigen Einsatz von Fingern und Münzen gelingt hier problemlos jede Transaktion. Meist sogar billiger als im ParknShop oder Wellcome. Und so stapft man dann die Latschen schön durchweicht vom Abwasser mit seinen Waren nach Hause.

Es ist diese typische Kombination aus fremden Gerüchen, verlotterten Ständen, Improvisationsbauten, und sympathischen Händlern die diesem Markt seine Anziehungskraft verleihen. Wie um diesen Charakter zu unterstreichen, wacht quasi als Eingangspforte der Einzelhändler Wing Woo über dem Markt. Die International Herald Tribune nennt den Laden gar "das pochende Herz der Graham Street". Und wer das mehr als 140 Jahre alte Gebäude betrachtet, versteht sofort was gemeint ist. Noch aus der Vorkriegszeit stammt das Haus, welches seit über 80 Jahren einen der letzten Tante Emma Läden Chinesischer Prägung beherbergt. Wing Woo ist untergebracht in einer abenteuerlichen Stützenkonstruktion aus Holzbalken, die das Gebäude vor dem Einsturz bewahren. Neujahrsglückwünsche für den Haussegen kleben als Statikersatz an den Balken. In Mitten einer wahren Flut an Gerüchen mit einer Prise Schimmel kaufen Kunden hier 100-jährige Eier, getrockneten Fisch sowie Schwalbennester aber auch Knorr Würzmischung und ganz normale Eier.
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