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Geschichte Qingdao - Entwicklung des deutschen Pachtgebietes in China

Das Deutsche Reich war nach der Okkupation der Kiautschou-Bucht daran interessiert, das Gebiet so schnell wie möglich infrastrukturell in Wert zu setzen. Dazu gehörten die Errichtung einer Marinebasis und einer Handelsstadt, die Anlage eines Hafens, die Erschließung des Hinterlandes durch Eisenbahntrassen und Bahnhöfe sowie der Bau von Kohlebergwerken. Letztlich entsprach diese Strategie den Empfehlungen von Richthofens, wie dieser sie viele Jahre zuvor entwickelt hatte.
Eine kleine Insel in der Einfahrt zur Kiautschou-Bucht gab der geplanten Stadt ihren Namen: Qingdao - oder in der damals gebräuchlichen Umschrift Tsingtau - bedeutet »grüne Insel«. Das etwa 20 qkm große Gebiet, auf dem die Kolonialstadt in der Folgezeit entwickelt wurde, war nicht unbewohnt. Neben den seit einigen Jahren bestehenden chinesischen Marineunterkünften existierten mehrere Ansiedlungen. Das Dorf Qingdao bestand aus mehr als 300 Haushalten, die weitgehend vom Fischfang lebten.
Die schon vor der Besetzung entwickelte Vorstellung, die deutsche Seite müsse die für die Stadtanlage benötigten Grundstücke sofort aufkaufen, erwies sich wegen der finanziellen Größenordnungen und schwieriger Rechtslagen als unrealistisch. Die deutschen Behörden an der Kiautschou-Bucht nahmen allerdings für sich das Vorkaufsrecht am Boden des Pachtgebietes in Anspruch und sicherten sich die Überlassung dieses Rechts durch eine Abfindung der chinesischen Grundbesitzer. Bis 1905 wurden staatlicherseits alle Grundstücke zu Preisen aus vordeutscher Zeit erworben, die für die Anlage der Stadt Tsingtau erforderlich schienen. Gegen die Zwangsverkäufe gab es auch Widerstände, auf die teilweise mit Enteignungen reagiert wurde. Grundstücke außerhalb des Stadtkerns vergaben die Behörden vielfach in Pacht. Die Einnahmen aus Pacht und Verkauf verblieben beim Gouvernement, sie stellten neben den Einnahmen aus dem Zoll und den Hafengebühren die wichtigsten Finanzquellen vor Ort dar.
Die deutschen Behörden errichteten auf dieser Rechtsbasis und nach Abtrag einiger aufgekaufter Siedlungen eine nach Bevölkerungsgruppen und zum Teil nach Funktionen gegliederte Stadt.


Um die festgelegten Flächennutzungen rasch umzusetzen und Bodenspekulationen zu verhindern, erließen die deutschen Behörden - und dies war neu und einmalig in den deutschen Kolonien - eine Steuerordnung, nach der es zu regelmäßigen Bewertungen und dementsprechenden Festlegungen der Steuersätze für die vom Gouvernement verkauften Grundstücke kommen sollte. Wilhelm Schrameier, ein schon zuvor in China tätiger Verwaltungsbeamter, hat dieses Instrumentarium gleich zu Beginn der deutschen Zeit in Zuarbeit von Admiral von Diederichs entwickelt (siehe Beitrag Torsten Warner, Der Aufbau der Kolonialstadt Tsingtau: Landordnung, Stadtplanung und Entwicklung).
Zur offenen Seeseite entstand ein der europäischen Bevölkerung vorbehaltenes Wohn- und Geschäftsviertel, an das sich unmittelbar nördlich - hinter einem Berggrat und zur Kiautschou-Bucht gerichtet - der Stadtteil für die chinesische Bevölkerung anschloß. Dieser trug den Namen des dortigen Ursprungsdorfes Dabaodao.
Eine Bauordnung legte Gebäudegrößen und Dichte fest. Die Straßen wurden großzügig angelegt und zum Teil begrünt. Die Häuser erhielten im Laufe der Zeit Trinkwasser- und Kanalisationsanschluß, das Wasser wurde aus weit entfernt liegenden Brunnen herangeführt. Die Wohngebäude und die Funktionsgebäude der Europäersiedlung (Gouvernement, Residenz, Schulen, Kirchen, Lazarett, Geschäftshäuser, Gewerbebetriebe) errichtete man zumeist aus Backstein und in den deutschen Baustilen der Jahrhundertwende, aber durchaus mit kolonialen Varianten (siehe Beitrag Christoph Lind, Heimatliches Idyll und kolonialer Herrschaftsanspruch: Architektur in Tsingtau). Neben dem chinesischen Stadtquartier Dabaodao (Tapautau) wurden für chinesische Hafen- und Bauarbeiter zwei weitere Wohnsiedlungen errichtet, allerdings räumlich vom urbanen Zentrum entfernt: Taidongzhen (Taitungtschen) und Taixizhen (Taihsitschen).
Im hügeligen Hinterland der Stadt ließen die Behörden drei Kasernen und weitere Baracken für die deutschen Soldaten bauen. Stadtbefestigungsanlagen entstanden zur Zeit des »Boxer«-Krieges und wurden danach verstärkt. Östlich der Europäersiedlung war die Siedlung durch lockere Villenbebauung gekennzeichnet. Am größten Strand (Auguste-Viktoria-Bucht) entstanden Hotel- und Villenbauten, die teilweise an vergleichbare Gebäude an der deutschen Ostseeküste erinnerten. Diese erste Freizeit- und Tourismuszone wurde durch Sportanlagen und einen Forstgarten ergänzt.
Etwa drei Kilometer nördlich der Stadt entstand in fünfjähriger Bauzeit der Große Hafen. Ein über vier Kilometer langer Damm in der Kiautschou-Bucht, der gegen die Nord-West-Winde schützen sollte, umfaßte das Hafenbecken. An dessen Ende, auf einer natürlichen Insel gelegen, entstand zuerst eine Marinewerkstatt, später - zwischen 1905 und 1907 - die kaiserliche Werft mit einem der größten Docks in Asien. In der mit dem einzigen Schwimmdock Ostasiens ausgestatteten Werft arbeiteten etwa 1500 Chinesen und 50 Europäer. An der Landseite des Hafens dienten zwei Molen zum Anlegen für größere Schiffe. Der Hafen erhielt einen 150-Tonnen-Kran und Gleisanschlüsse. In einiger Entfernung entstand eine Petroleummole. Die Übergangszone zwischen Stadt und Hafen wurde mit Werkstätten, Kontoren und Lagerschuppen belegt. Dort gab es auch den kleinen Hafen, der insbesondere Dschunken für den betriebsamen chinesischen Handel aufnahm.
Letztlich entstand in der deutschen Zeit eine Mehrkern-Stadtanlage, deren Quartiere nicht flächendeckend miteinander verbunden waren. Die Aufsiedlung der Zwischenräume erfolgte erst während der japanischen Kolonialzeit (1914-1922). Unter ethnischen Gesichtspunkten kam Tsingtau dem Kolonialstadttypus einer »dual city« nahe; auch wenn eine im Sinne von Apartheid strikte räumliche Trennung von Europäern und Chinesen nicht immer durchgängig war.
Die Stadtentwicklung Tsingtaus ist nicht nur durch Verwaltungsunterlagen und Panoramafotografien der deutschen Behörden dokumentiert, auch chinesische Künstler haben das Wachsen der Stadt in Panoramabildern festgehalten.
Mit der Vermessung und dem Bau der Bahnstrecke von Tsingtau in die über 400 km entfernte Provinzhauptstadt Jinan (Tsinan) wurde 1899 begonnen und damit die infrastrukturelle Erschließung des Hinterlandes eingeleitet. Ein deutsches Finanzsyndikat gründete die Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft als Aktiengesellschaft, die laut deutsch-chinesischem Vertrag vom 6. März 1898 als deutsch-chinesisches Unternehmen hätte organisiert werden sollen. Dies erfolgte nicht, ebenso wie Detailabsprachen zu Bau, Betrieb und Schutz der Anlagen zwischen dem Provinzgouverneur von Schantung und der Gesellschaft von deutscher Seite verzögert wurden. So gelang es der Eisenbahngesellschaft unter Durchsetzung ihrer Interessen die Gesamtstrecke bis zum Sommer 1904 fertigzustellen. Zeitweise hatten auf den Baustellen mehr als 20000 Menschen, zumeist Wanderarbeiter, gearbeitet. Zuvor waren bereits Teilstrecken in Betrieb genommen worden. Die Trassenführung erschloß auch die Kohlefelder bei Weixian (Weihsien) und bei Poschan (Boshan) zum Teil durch Stichbahnanbindungen (siehe Beitrag Klaus Mühlhahn, Deutsche Vorposten im Hinterland: Die infrastrukturelle Durchdringung der Provinz Schantung).
Der Tsingtauer Bahnhof - auch im deutschen Baustil errichtet - lag am westlichen Rand der Europäerstadt. Die außerhalb des Schutzgebietes gelegenen Bahnhofsgebäude glichen sich durch geschwungene Dachformen der chinesischen Bebauung an. Nach der Fertigstellung einer weiteren Eisenbahntrasse von Tsinan nach Peking war eine Verbindung nach Deutschland hergestellt: Tsingtau wurde von Berlin aus in 13 Tagen erreichbar.
Neben der Bahn wurde auch das Straßennetz in Schantung ausgebaut, zum Ende der deutschen Kolonialzeit waren dies jedoch noch weniger als 400 km.
Die gleiche deutsche Finanzierungsgruppe, die die Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft trug, gründete im Herbst 1899 die Schantung-Bergbau-Gesellschaft. Der Betreiberin war vertraglich zugestanden worden, den Boden beiderseits der Bahnlinien bis zu je 15 km (30 li) ausbeuten zu dürfen. Die Investitionen in moderne Betriebseinrichtungen und bis zu 400 m tiefe Schächte waren äußerst kostenintensiv. Die Betriebseröffnungen erfolgten in den Jahren 1902 bzw. 1907. Bis zu 6000 Chinesen, aber weniger als 100 Deutsche arbeiteten bei der Bergbaugesellschaft.

Zur Infrastrukturentwicklung im Pachtgebiet gehörte auch die telegraphische Vernetzung. Kabel wurden unter anderem von Tsingtau in die Provinzhauptstadt Tsinan und nach Shanghai verlegt. Die Reichspost im Kiautschou-Gebiet, die der deutschen Verwaltung vor Ort nicht unterstand, richtete Postämter in der ganzen Provinz ein und gab provisorische Briefmarken heraus. Ab 1900 erschienen einheitliche Kolonialbriefmarken mit dem Aufdruck »Kiautschou«. Das Telefonnetz im Pachtgebiet bot 1903 insgesamt 203 Hauptanschlüsse und 180 Nebenanschlüsse.

Quelle: DHM


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Zusammenfassung

Das Deutsche Reich war nach der Okkupation der Kiautschou-Bucht daran interessiert, das Gebiet so schnell wie möglich infrastrukturell in Wert zu setzen. Dazu gehörten die Errichtung einer Marinebasis und einer Handelsstadt, die Anlage eines Hafens, die Erschließung des Hinterlandes durch...

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