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Der Berg ruft!! - Besteigen des Mount Kinabalu (höchster Berg in Südostasien) - Bergsteigen auf Borneo, Malaysia

Ich habe 25 Jahre lang in München gelebt, hatte die Alpen direkt vor der Haustür, aber zum Skifahren/Snowboarden hab ich es trotzdem quasi nie geschafft. Und an Bergsteigen war schon mal gar nicht zu denken. Was einen mit einer solchen Vita reitet, nach Borneo zu fliegen und dort auf einen über 4.000 Meter hohen Berg zu steigen, darüber kann man wohl nur rätseln. Wahrscheinlich gibts dafür die zwei ganz simplen Standardantworten:
- Man besteigt den Berg, weil er da ist.
- Man besteigt den Berg, weil man es kann.
Also stand das am vergangenen Wochenende an. Basta!



Der Berg ruft!
I muß aufi, Vater, i muß aufi.
Schau, der Berg.
I muß aufi aufn Berg.
Der Berg ruft!

Wem diese trashigen Zeilen nix sagen, der möge sich nicht wegen mutmaßlicher Bildungslücken grämen.

Zurück zur Ernsthaftigkeit. Die Vorbereitungen für den Trip liefen schon eine ganze Weile, denn natürlich hatte ich gar nicht die passende Ausrüstung parat. Also mussten Winterjacke, Bergschuhe, Schal, Mütze, Backpack, Schlafsack etc. her, was in einer Stadt wie Singapur gar nicht mal so einfach ist. Man kann mit ein wenig Kenntnis von mir leicht darauf schließen, dass ich am Donnerstag abend noch mit fast leeren Händen da stand.

Also wurde auch noch dieser Abend genutzt, um die diversen Shopping Malls abzugrasen. Fündig wurde ich dann letzten Endes im Plaza Singapura sowie im Marina Square und wirklich teuer war das alles eigentlich auch nicht.

Am Freitag hatte ich mir dann einen halben Tag frei genommen, da es von Singapur aus keinen Flug nach Kota Kinabalu gibt und man erst nach Malaysia rüber muss. Aufmerksame Leser werden jetzt einwenden, dass Singapore Airlines, Silk Air & Malaysia Airlines dort hin direkt fliegen, aber das sind ja alles keine Budget Airlines. Außerdem fliegen die alle zeitlich so ungünstig, dass der Trip nach Kota Kinabalu nicht an einem normalen Wochenende machbar ist. Die Alternative: Man fährt über die Grenze nach Malaysia ins Vorzeige-Kaff Johor Bahru und fliegt von dort aus mit AirAsia. Die Local-Kollegen schauen da aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen immer sehr erschrocken, wenn man erwähnt, dass man mit der führenden Billig-Fluglinie Malaysias unterwegs ist. Klar, die Maschinen sind nicht ganz taufrisch und glänzen gelegentlich auch mal noch mit holländischen Insignien im Flugzeug, aber das ist immer noch 10x sicherer als das Einsteigen in einen handelsüblichen malayischen Bus oder gar ein Taxi. Mehr dazu später…

Zum Flughafen von Johor Bahru kommt man am besten mit dem Taxi zur Grenze, dann in den Shuttlebus über die Brücke und dann weiter mit einem anderen Taxi zum Senai Airport. Geht auch mit Bussen und auch wesentlich günstiger, aber das dauert dann eine Ewigkeit. Freitag nachmittags gings also per Taxi erstmal wieder zum Siemens Centre, um Conny und Katja einzusammeln. Yep, richtig gelesen, zwei Mädels kommen mit auf den Berg. Ursprünglich wäre Daniel auch noch mit eingeplant gewesen, aber der gab vor, arbeiten zu müssen. Hatte offensichtlich Angst, dass ihm sein Lidschatten auf dem Berg zerläuft. :)

Unterwegs öffnete dann der Himmel sämtliche Schleusen … ach was, da brach ein Drei-Schluchten-Damm! Hab ja viel Regen hier gesehen, aber sowas noch nicht. 20 Meter Sichtweite, wenn überhaupt. Der Taxifahrer war danach noch mürrischer, vermutlich weil er auch keinen Bock hatte, zur Grenze zu fahren. Verstanden wir zwar nicht, ist aber auch mal egal. Die nächsten Fahrgäste hat er auf jeden Fall sofort gehabt.

An der Grenze liefs wie üblich problemlos, wobei ich mich doch irgendwie frage, für was da ein Bild in meinem Reisepass drinsteckt, wenn mir doch eh wieder die Stempel in den Pass gehauen werden, ohne nur einmal angeschaut zu werden. Angekommen auf der malaiischen Seite der Grenze stürmten die ganzen Schlepper netten Helferlein schon auf uns zu. Der gängige Tarif mit dem Taxi zum Flughafen ist 40 Malaiische Ringit, also haben wir dem Ersten, der uns das Angebot gemacht hat, auch zugesagt. Ein paar Meter mussten wir latschen, dann kam er mit seinem Auto vorbei. Von einem Taxi zu sprechen, wäre jedoch glatt gelogen. Privatkarre kommt da eher ran. Grüß Gott, Ordnungsamt, Führerschein, Fahrzeugpapiere und Personenbeförderungsschein, bitte! Oh, wir sind ja nicht in Deutschland. Naja, er hat sich uns sicher zum Senai Airport gebracht und so langsam hörte es dann auch auf zu regnen.

Vom Flughafen in Johor Bahru war ich dann doch positiv überrascht. Alles schön sauber, keine Abzocke beim Geldwechseln, sogar die Toiletten waren richtig stylisch. Nach der Gepäckaufgabe machten wir noch schnell den Dunkin' Donuts und den Coffee Bean unsicher, was jeden Arzt sicherlich erstmal dazu gebracht hätte, einen Test auf Diabetes anzuordnen. Sollte nicht die letzte Zuckerschlacht des Wochenendes gewesen sein. Am Gate angekommen wurden dann sämtliche Singapur-Lektionen bzgl. des disziplinierten Anstehens innerhalb weniger Sekunden über Bord geworfen. Wobei wir es eigentlich nur den Locals gleich gemacht haben, die aus einer fein säuberlich aufgereihten Schlange innerhalb kurzer Zeit einen Kegel machten. Dann gings aber doch rüber zum anderen Gate, weil die vorgesehene Maschine wohl ein Problem hatte. Die Durchsage gabs natürlich erstmal nur auf malayisch. Die Locals stürmen los, die Westler machen einen auf Lemming. Die englische Durchsage geht im Gewusel unter… Also nochmal reindrängeln. Mit Erfolg, denn ich konnte mir einen Sitzplatz am Notausgang ergattern und hatte somit mehr als genügend Beinfreiheit. Wobei zu erwähnen ist, dass in dieser Notausgangs-Reihe dennoch zwei Sitze reingequetscht sind und nur der Sitz direkt an der Tür fehlt. Wenn mal tatsächlich ein Notfall wäre, würde es somit richtig lange dauern, bis die Leute raus kämen. Tja, Profit ist eben doch wichtiger als Sicherheit, man kennt das ja. Wenigstens war der Flug ohne nennenswerte Erlebnisse.

40 Minuten später als geplant landeten wir dann am Kota Kinabalu Airport. Mit dem Taxi gings in die Stadt bzw. zu unserem Hostel im Hinterhof. Da lachten einem in den dunklen Ecken schon die Kakerlaken an, wenn sie nicht gerade von Ratten verscheucht wurden. Von aussen also mehr als nur Pfui, von innen aber ganz akzeptabel. Nach dem Check-In wollten wir die Organisation unseres weiteren Trips auf den Mount Kinabalu angehen. "Netterweise" hatte unser Hostel (The Beach Lodge) ein Komplettpaket parat. Gut, wenn man sich im Vorfeld zumindest ein wenig über die Preise erkundigt hatte und so stellten wir eine doch etwas größere Diskrepanz zwischen Marktpreis und vorhandenem Angebot fest. Also haben wir kurz verhandelt und letzten Endes sind wir dann weitergezogen, um nach einem besseren Preis Ausschau zu halten.

Ein paar Meter vom Hostel entfernt stolperten wir dann in ein Travel Agent Büro rein. Die Leute hatten wohl schon ihren persönlichen Feierabend eingeläutet (lies: sie waren am pennen), was uns aber nicht wirklich störte. Die Chefin war zwar irgendwie die coolste Sau der Stadt, spulte aber dennoch das Einmaleins der Travel Agents runter. Von "Oh no, why did you do this?" über "Oh no, why didn't you do that" zu "Ok ok, i can help you" bis hin zu "It's so expensive over there" war eigentlich alles dabei, was man in der Grundausbildung zum Scammer so lernt. Sprich: Egal, welchen Wunsch man hatte, alles würde top geregelt werden und man bräuchte sich keine Sorgen machen. Dass dem in aller Regel nicht so ist, kann jeder mit 2 Wochen Asien-Reise-Erfahrung sicherlich bestätigen. In diesem Fall waren uns aber mangels besseren Informationen die Hände gebunden und der Preis hat auch in etwa gepasst.

Da zu später Stunde die ganzen kleinen malayischen Futterstellen nicht mehr den einladensten Eindruck machten, gings vor dem Gang ins Bett noch schnell völlig stillos zum Burger King. Warum dort ein Doppelcheeseburger einzeln weniger kostet als ein Whopper, dafür aber dann im Menü mehr, bleibt mir immer noch verborgen. Und ebenso, warum es so lange dauert, das Zeug zuzubereiten. Macht nix, und Katja durfte sich auch noch darüber freuen, von einem abgehalfterten Pseudo-Playboy visuell angemacht zu werden. Dann gings aber richtig zackig ins Bett, denn der nächste Tag sollte richtig anstrengend werden.

Um 6 Uhr klingelte der Wecker. Schnell geduscht und gefrühstückt, dann rüber zum Travel Agent. Die Lady vom Tag zuvor stiefelte mit uns dann vermutlich noch im Schlafgewand zur Bushaltestelle. Vom Minibus, der uns direkt und ohne Umsteigen zum Kinabalu Park Headquarter bringen sollte, war natürlich keine Spur. Stattdessen gings im Coach zum großen Busbahnhof, wo wir dann zum nächsten großen Bus gelotst wurden. Am Ende lief das zwar alles problemlos, aber es war dennoch nicht die Leistung, die wir eigentlich gebucht hatten. Eigentlich schon fast überflüssig, aber der Vollständigkeit halber: Der Busfahrer ist gefahren wie die letzte Pistensau. Schlagloch? Hatt-a-net! Speedbump? Nicht gesehen. PKW überholen am Berg vor der Kuppe? Aber klar doch!

Am Eingang des Kinabalu National Park wurden wir dann rausgeschmissen. Wobei wir erstmal nicht wirklich wussten, ob wir denn tatsächlich richtig sind. 50 Meter weiter waren wir dann wenigstens gewiss, am richtigen Ort zu sein. Ausgestattet mit einer mindestens als zweifelhaft zu bezeichnenden Quittung stiefelten wir zur Anmeldung, wo wir dann (entgegen den Versprechungen des Travel Agents) doch noch haufenweise Zettel ausfüllen mussten. Nur zahlen mussten wir wenigstens nix mehr.

Ein Kleinbus sollte uns sowie unseren Guide dann zum Timpohon Gate auf 1.830m raufbringen, von wo dann der Aufstieg beginnen sollte. So wie sich das gehört bin ich erstmal mit meinem Kopf gegen die Heckklappe gerannt und hab mir eine Kopfplatzwunde zugezogen. Ok, die war mikro, aber geblutet hats trotzdem erstmal. Ging aber ohne Pflaster oder ähnliches. Und immer noch besser als ein Bänderriss auf 4.000 Meter.


6 Kilometer und knapp 1.500 Höhenmeter standen für den Samstag auf dem Programm. Die knapp 25% durchschnittliche Steigung stellten sich bereits nach kurzer Zeit als gar nicht mal so leichte Aufgabe dar. Die mangelnde körperliche Ertüchtigung in den letzten Monaten trug sicherlich auch nicht dazu bei, den Aufstieg zu erleichtern. Schritt für Schritt und Stufe für Stufe gings es aber voran. Unterwegs konnte man immer wieder an kleinen Unterschlupfen Rast machen und die Energiereserven mit den mitgebrachten Schoko- und Nussriegeln auffrischen. Frisches, unbehandeltes Quellwasser gabs auch und bis heute habe ich noch keine Verdauungsprobleme. Ein Highlight des Aufstiegs ist sicherlich die sich ständig verändernde Vegetation. Hat man Anfang noch die eine oder andere kleine Palme, wechselt es schnell in einen Mischwald, um dann irgendwann immer karger zu werden. Absolut sehenswert, nicht nur für Ökoheinis.

Mit ansteigender Höhe wurde es dann auch sukzessive kälter, wodurch irgendwann dann die Pullover bzw. Jacken rausgeholt wurden. Durchziehende Nebelschwaden sorgten ebenfalls für Abkühlung. Dennoch kann man klar sagen, dass wir ein Riesenglück mit dem Wetter hatten. Eine andere Praktikantengruppe ein paar Wochen vorher durfte sich mit Dauerregen rumschlagen, wohingegen wir abgesehen von wenigen Wolken uns über strahlenden Sonnenschein freuen konnten, was sicherlich förderlicher für die Stimmung und das gesamte Erlebnis war.

Unterwegs machten immer wieder Leute Kommentare über meinen groß ausgefallenen Backpack, was aber im Wesentlichen daran lag, dass da Jacke und Schlafsack drin waren. Aber die Luschen, die einen Gepäckträger anheuern und im beheizten Guesthouse schlafen, sind halt am besten im Schwingen großer Worte. So kämpften wir uns also den Berg hinauf und waren heilfroh, nach ca. 5,5 Stunden das Laban Rata Guesthouse zu erblicken. Dort haben wir dann erstmal eingecheckt, uns ausgeruht und uns dann übers Buffet hergemacht. Wirklich prickelnd war das zwar nicht, aber es hat den Magen gut gefüllt. Der Sonnenuntergang war noch ganz nett anzusehen.


Dann musste es recht zügig nochmal 60 Höhenmeter hochgehen zu unserer Unterkunft, dem Guntung Lagadan Hut, damit wir noch in den Genuss von warmem Wasser zum Duschen kommen konnten. Beim anschließenden Zähneputzen konnte ich allein durchs Zuhören mitbekommen, wie einige Leute in meinem Rücken definitiv kein warmes Wasser mehr abbekamen. Wie immer in solchen Fällen ist der Spagat zwischen Mitleid und Schadenfreude eine sehr diffizile Aufgabe. :)

Gegen 20 Uhr war Schlafen angesagt. So früh deshalb, weil wir am nächsten Morgen bereits um 02:15 wieder aufstehen wollten, um dann um 3 Uhr loszumarschieren und am Gipfel den Sonnenaufgang zu erleben. Gesagt, getan. Als Frühstück gabs die am Tag vorher zubereiteten Sandwiches … und kalte Pommes. Sonderlich lecker war letzteres nicht. Danach wurden sämtliche Kleidungsstücke angelegt, die dabei waren. T-Shirt, Pullover, Jacke. Jogginghose unter der Jeans. Mütze, Schal, Handschuhe. Dickes Paar Socken. Dazu noch so eine schicke Stirnlampe, damit man beide Hände zum Klettern frei hat.

Perfekt eingemummelt starteten wir in die letzte Etappe des Mount Kinabalu Summit Trail. Auf den ersten Metern mit ziemlich steilen Treppen spielte zwar der Kreislauf zu der frühen Uhrzeit noch nicht so richtig mit. Wer könnte es dem Körper auch übel, der da mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wird und dann gleich ungewohnte Höchstleistungen bringen soll. Glücklicherweise legte sich das bald. An einigen weiteren richtig steilen Stellen, wo man sich nur mit Hilfe eines Seils hochziehen konnte, war dann das Herz nur noch am Pumpen. Leider hatte ich meinen Pulsmesser in Singapur vergessen, aber das war sicherlich am obersten Limit von dem, was noch gesund war. Manchmal half dann einfach nur noch ein Anlehnen an den Berg bei 45 Grad Steigung und ein Warten von 1-2 Minuten, damit mal wieder Luft in der Lunge und ein niedriger Puls vorhanden waren.

Am Sayat Sayat Hut, dem letzten Checkpoint, angekommen wurde es dann zwar wieder einen Tick flacher, aber dennoch nicht minder anstrengend, da wir mittlerweile auf 3.700 Metern angekommen waren. An dem Punkt hab ich dann die Mädels abgehängt, was nicht auf einen übermäßigen Ehrgeiz auf Grund von Testosteron-Schüben zurückzuführen war, sondern weil es mir lieber war, meinen eigenen Rhythmus laufen zu können. Immer wieder warten wäre nicht gut gewesen.

Die Schritte wurden immer kürzer, die Körperhaltung gebeugter, die Hirnleistung geringer, der Atem schwerer … aber der Wille blieb stark. Nach dem Bewältigen von 2.000 Höhenmetern will man ja nicht auf den letzten 300 Metern aufhören, auch wenn einem die niedrigen Temperaturen und vor allem der eiskalte Wind mächtig zusetzen. Die dünnere Luft in knapp 4.000 Meter Höhe hilft einem da sicherlich, in einen trance-ähnlichen Zustand zu verfallen, der über die schwierigsten mentalen Klippen hilft. Spätestens beim 8 Kilometer Schild hatte der Geist dann endgültig über den Körper gesiegt, dann ab da war der Gipfel richtig greifbar und so wurden die letzten Energiereserven mobilisiert.

Am Horizont konnte man schon einen dünnen bunten Streifen erkennen, als es für mich auf die letzten Meter Richtung Gipfel ging. Und dann war das Schild da! TAMAN KINABALU, LOW'S PEAK, 4.095,2 METER. Geschafft in 2 Stunden 20 Minuten. Was für ein Glücksmoment! Marathonläufer werden das vermutlich kennen. Nach dem Schießen der ersten Fotos kamen einige Minuten später auch die Mädels mit Guide an.

Viele Heys und Juhus und ein noch mehr Fotos später setzte dann das Hirn wieder ein und vermeldete, dass es doch reichlich kalt da oben war. Da half nur eisernes Durchhalten, bis die Sonne es endlich über die Gipfel geschafft hatte. 42 Fotos vom Sonnenaufgang wurden es dann schlussendlich. Plus Selbstportraits, plus sonstige Fotos. Das hielt dann einen dann wenigstens in Bewegung und somit einigermaßen warm. Ansonsten hat die grandiose Aussicht eh für alles entschädigt.




Als es dann nichts mehr Neues zu sehen gab, begaben wir uns wieder Richtung nach unten. Oha, 2.300 Höhenmeter mussten in den folgenden 9 Stunden bewältigt werden, um den letzten Bus nach Kota Kinabalu zu erwischen. Wer jetzt denkt, dass der Weg den Berg runter ein Kinderspiel sein dürfte, der täuscht sich. Zum einen werden die Gelenke sehr stark belastet, zum anderen sind wichtige Muskeln wie der Oberschenkel an diesem Punkt eigentlich schon völlig überlastet und würden am liebsten den Dienst verweigern. Bedingt durch meine Körpergröße bin ich auch nicht unbedingt ein Leichtgewicht, was den Gelenken ganz sicher in solchen Fällen nicht zu Gute kommt.

Folglich war ich dann derjenige, der die meiste Zeit auf der Bremse stand. Aber wenn man gerade einen Viertausender bezwungen hat, dann ist einem das sowas von egal. Alle 100 Höhenmeter konnte man sich dann mehr und mehr Klamotten loswerden, da es immer wärmer wurde. In 1,5 Stunden gings runter zu unserer Unterkunft, wo es dann wieder 21,4 Grad hatte. Auf 3.250 Metern, wohlgemerkt. Dort packten wir unsere Sachen zusammen und ruhten uns noch eine Weile aus. Dann gings zum Laban Rata Guest House und dort wurde gefrühstückt. Wieder haben wir nicht ganz den Gourmetteller erwischt, aber in der Höhe findet man halt keinen Schubeck.

Für den weiteren Abstieg holten wir uns noch ganz schicke Wanderstöcke. Naja, eher einen langen dicken Ast. Zu Beginn vollbrachte dieser keine wirklichen Wunder, so dass ich das Ding beinahe unterwegs weggeschmissen hätte. Am Kilometer 4 (jetzt rückwärts zählend) meinte Conny, ein bisschen mehr als nötig mit Katja zu quatschen anstatt auf den Weg zu schauen und rutschte prompt weg. Dank Adrenalin und sonstigen Sportlerhormonen waren da zunächst nur ein Schmerz und eine leichte Schwellung. Dennoch ein ganz klares Zeichen, dass da was nicht 100% in Ordnung war. Da half dann nur richtig Gas geben und hoffen, dass die Schwellung nicht unterwegs größer wird, was auch erstmal klappte

Für mich war nach einer kurzen Schwächephase auf Grund von zuwenig Nahrung bei etwa 4,5km dann angesagt, den Anschluss nicht zu verlieren. Also gings auch zügig den Berg runter. Die Knie motzten, die Oberschenkel kreischten, aber lange ging es auch noch gut. Bis es dann ab Kilometer 1,5 richtig schlimm wurde. Da verweigerten die Beine dann mehr und mehr ihren Dienst. Mal knickte das Knie durch, mal klappte das Anwinkeln nicht mehr. Gut, dass es bei den steileren Treppen Geländer gab. Und noch besser, dass ich immer noch meinen Wanderstock in der Hand hielt. Mit beiden Armen auf dem Stock aufgestützt ging es langsam, aber stetig voran. Muss ein Bild für Götter gewesen sein, als der Mittzwanziger da wie der letzte Großvater den Berg runterstiefelte. Der Guide zwei Meter hinter mir hätte mich wohl nach unten getragen, damit er früher Feierabend hätte machen können, aber der musste ja ständig rauchen. Endlich angekommen am Timpohon Gate warteten auch schon Conny und Katja auf mich. Wieder Hey, wieder Juhu, wenn auch wesentlich weniger energetisch als auf dem Gipfel.

Am Kinabalu Park Headquarter verabschiedeten wir uns dann von unserem Guide und holten uns unsere Zertifikate ab. Dann bemerkte ich auf einmal, dass irgendwas tierisch am Stinken war. Ein paar Sekunden später war mir klar: das bin ich! Kein Wunder, dass Katja beim Gruppenfoto nicht ganz die übliche Nähe suchte. Ein paar Minuten hatten wir dann noch Zeit und so ging es mit schmerzverzerrtem Gesicht nochmal ein paar Treppen rauf und runter zum Restaurant, wo man sich noch schnell etwas frisch machen konnte. Da sah die Welt hinterher doch eine ganze Menge besser aus.

Zurück gings es mit dem Bus nach Kota Kinabalu in demselben haarsträubenden Stil wie bei der Hinfahrt. Vielleicht sogar noch schlimmer. Im Wisma Merdeka Einkaufszentrum plünderten wir dann noch den nächstbesten Watson's (Drogerie) und nahmen alles mit, was nach Schmerzlinderung schrie. Bei Conny wurde dann auch so langsam der Fuß dicker. Dann gings weiter mit dem Taxi zum Flughafen. Die Frage nach einer Fahrt mit dem Taxameter wurde mit einer Gestik beantwortet, die irgendwo zwischen "Guter Witz" und "Mach dich nicht lächerlich" einzuordnen war.

Am Flughafen angekommen waren dann sämtliche Muskeln kalt und dementsprechend sah unsere 48 Stunden vorher voll funktionsfähige Reisegruppe eher nach einer Kriegsinvalidentruppe aus. Humpelnd und wackelnd gings zum Check-In und zum Futtern. Und dann folgte noch ein ewig erscheinendes Warten in einer nicht wirklich ansehnlichen Wartehalle. Immerhin waren die Leute vom Snack-Stand bei der Anfrage nach einem großen Beutel Eis zur Kühlung von Conny's Knöchel so eifrig wie man es nur selten bei Malayen sieht. Allerdings… von einem Knöchel war eigentlich gar nichts mehr zu sehen.

Danach dachten wir uns noch, dass wir den Schaden zumindest noch nutzen sollten und ergatterten uns einen Platz in der Priority Queue, die sonst eigentlich Eltern mit Kleinkindern oder Senioren vorbehalten ist. Ergebnis: vorderste Reihe im Flugzeug, wieder richtig viel Beinfreiheit, dieses Mal für alle. Ich wage zu behaupten, dass ich 2 Stunden gepennt habe, was mir sonst noch nie auf einem 2,5 Stunden Flug gelungen ist. Am Senai Airport angekommen haben wir dann erstmal unsere Bergbesteigungs-Zertifikate im Flugzeug vergessen, sodass ich nochmal übers Rollfeld spurten durfte. War bestimmt kein sonderlich ästhetischer Anblick. Bemerkenswert wär dann noch, dass wir eine gute halbe Stunde früher als geplant ankamen. Richtig gelesen! AirAsia kann auch andersrum. Nur pünktlich können sie nicht :)

Dann kam der wohl gefährlichste Abschnitt des Tripps: die Taxifahrt zur Grenze. Unser Fahrer hat wohl offensichtlich die Playstation mit der Realität verwechselt. Links überholt, rechts überholt, den Rechtsabbiegerpfeil (Linksverkehr!) genutzt, um geradeaus über die Kreuzung zu brettern, 140km/h in der 60er Zone und ähnliche Scherze. Mit seiner getunten Karre und Autobahndisco-Bauerntechno aus den Lautsprechern lässt sich echt gut heizen. Zwar ist er eigentlich gut und vorausschauend gefahren, aber für Fehler der anderen Verkehrsteilnehmer wäre keine Luft gewesen. Am Ende verabschiedete er sich mit den Worten "Sorry for my rough driving. I'm a midnight driver. Time is money." Jaja, du mich auch. Irgendwann krachts halt und da werden sich deine Fahrgäste sicher sehr freuen.

Auf der malaiischen Seite der Grenze waren dann um diese Uhrzeit die Rolltreppen bereits ausgeschaltet. Da freut sich der Tourist mit seinen kaputten Beinen. Dreimal darf man raten, wie es auf der Singapur-Seite aussah. Köstlich war dann auch das malaysische Personal, dass einen gelben Button auf der Brust hatte: "Service with a smile". Spitzenidee, so müssen sie Grenzbeamten nicht mehr selber freundlich sein. Oder hab ich da absichtlich etwas falsch interpretiert? :) Die Offizielle auf der Sonnenseite der Grenze hatte dafür keinen Button nötig und schaffte es neben dem Schenken eines Lächelns auch ein "Welcome back" über die Lippen zu bringen.

Mit dem Taxi gings dann einmal quer durch Singapur zum Plaza, wo ich mich dann von "meinen" Mädels verabschiedete. Da war es gerade mal kurz nach Mitternacht, womit wohl niemand gerechnet hatte. 2 Uhr hätte ich eigentlich erwartet. Super, da blieb noch ein wenig Zeit zur bitter nötigen Erholung.

Fazit: Ein anstrengender und auch schmerzhafter Trip. Besonders die Tage später mit dem brutalen Muskelkater, der mir am Dienstag das Treppensteigen völlig unmöglich machte. Sport ist Mord… ABER es hat sich auf jeden Fall gelohnt, denn es war ein Riesenerlebnis und eine großartige Leistung von uns allen, auch wenn das jetzt mächtig nach Eigenlob stinkt. Wir hatten tolles Wetter, haben klasse Landschaften gesehen und ein Sonnenaufgang auf 4.000 Meter Höhe ist schlichtweg schwer zu toppen. Einen ganz großen Respekt auch an Conny und Katja, die tapfer ebenso den Gipfel des Berges erreichten. Ohne Murren und Rumheulen trotz aller Qualen. War klasse mit euch und nächstes Jahr bezwingen wir dann den Kilimandscharo! Deal? :)



Kommentare

Ich glaube nicht dass deine ueberdurchschnittliche Gelenkbelastung beim Abstieg nur an deiner Groesse lag... Wohl eher zu viele Chickenfeet verputzt und ansonsten nur faule indonesische Naechte verbracht ;-).

Glueckwunsch! Bei Sonnenschein kann das aber jeder! ;-)

Saemtliche Daumen deiner zahlreichen Selbstportraits hoch fuer diesen Bericht! Kilimandscharo can (eventuell:o)

hey harry,

gerade durch zufall deinen blog gefunden. thumbs up! schoener bericht, gut geschrieben, kurzum ich habs verschlungen, hehe. freu mich auf die nächsten blogs, werde sicher nochmal vorbeischauen.

achja, beim kilimandscharo wohl nicht aber beim nächsten "humanen" berg bin ich dabei ;) mit meiner klettererfahrung aus benediktbeuern vll machbar. ab august bin ich in asien (macao).

cheers,
jan

ich kann mich noch mit Schrecken an den letzten Besuch eines Berges erinnern.

Gemeint ist diesmal nicht der verfluchte Ostpark-Hügel sondern der Spaß bei gefühlten 600°C den Vesuv zu besteigen.

@jan:
hmm, ich war mal vor 15 jahren auf der benediktenwand oben drauf. kilimandscharo ist im uebrigen auch fuer normalos machbar. nur halt einen tacken teurer

@mr. lidschatten:
chickenfeet? nee, muss net sein. und was fuer indonesische naechte? hab ich was verpasst?

@einer:
das ist so nicht ganz korrekt. ausserdem kann man ja uns keinen vorwurf des wetters wegen machen

@barto:
vesuv war ja auch vollassi nach nem sonnenstich resp. vollrausch den tag vorher

@frl. hr432:
die begeisterungsqualitaet bzgl der selbstportraits hab ich aber anders in erinnerung

sc häm dic h, ein fach d ein digi tal dimen sion shi rt vollzu stin ken!

Geiler Bericht; und Lyrik die begeistert!

Passende Musik dazu: Paule, wer sonst...

Passendes Getränk: Kaffee, der nach Aschenbecher schmeckt...

Für meinen Geschmack etwas wenige Selbstportrait-Fotos!


hey, das shirt wird so langsam zur 2. dose! was das schon alles gesehen hat!!!11

Passende Musik dazu muss aber ganz klar K2 sein.

Da waren noch viel mehr Selbstportraits. Ich muss mich aber nach Dauerbombardement mit Diffamierungen erst wieder seelisch und geistig aufrichten, damit ich die posten kann

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Über mich und das Singapur Blog: Eine kurze Einführung zum Autor dieser Webseite.

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Zusammenfassung

Erfahrungsbericht über die Besteigung des Mount Kinabalu (höchster Berg in Südostasien) auf Borneo, Malaysia

Stichwörter

Mount Kinabalu, Taman Kinabalu, Gunung Kinabalu, Kinabalu National Park, Timpohon Gate, Kota Kinabalu, Air Asia, AirAsia, Johor Bahru, Johor Bharu, Johor, Bergsteigen Asien, Bergsteigen Malaysia, Borneo, Low's Peak, Laban Rata, Laban Rata Guesthouse, Sonnenaufgang, Bilder Mount Kinabalu, Fotos Mount Kinabalu, Senai Airport, Flug Kota Kinabalu